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Florence Gaub: „Zukunft ist eine Superkraft“
Politikwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin Florence Gaub im Gespräch bei vigilius sensus im vigilius mountain resort – ein Vortragsabend über Zukünfte, Verantwortung, Handlungsspielräume und ein europäisches Zukunftsbild
Zukunft ist nicht völlig unvorhersehbar. Durch kluge Gestaltung und strategisches Denken lässt sie sich formen. Unter dem Titel „Zukunft. Wissen, was (noch) nicht ist“ luden das vigilius mountain resort und das Center for Advanced Studies von Eurac Research zur 10. Ausgabe der Veranstaltungsreihe vigilius sensus auf das Vigiljoch. Zu Gast war Florence Gaub. Die Deutsch-Französin ist Forschungsdirektorin am NATO Defense College in Rom und sprach über die Zukunft als Möglichkeitsraum, über unsere Fähigkeit, diese Zukunft zu denken, und darüber, warum wir sowohl Wissen als auch Mut dazu brauchen.
Zukunft wirkt auf den ersten Blick wie ein abstraktes Konzept. Dass wir darüber nachdenken, was Zukunft überhaupt ist und wie wir sie beeinflussen können, ist aber tatsächlich ein einzigartiges Phänomen, das uns als Menschen besonders auszeichnet. Wir sind die einzige bekannte Spezies, die sich eine noch nicht existierende Zeit so konkret und bildhaft vorstellen kann, dass es auf Gehirnscans aussieht, als hätten wir diese vorgestellte Zukunft tatsächlich erlebt. Diese Fähigkeit, sagte Florence Gaub bei vigilius sensus, sei eine Superkraft, für die sie ihr Buch als „Bedienungsanleitung“ geschrieben habe. Zukunft, erklärte sie außerdem, gebe es streng genommen nicht im Singular: Es seien immer mehrere Zukünfte. So wie im Auto in mehrere Gänge geschalten werden kann, können wir über die ganz kleine Zukunft nachdenken, etwa einen anstehenden Zahnarzttermin. Wir können über größere Lebensentscheidungen nachdenken, über die Zukunft eines Unternehmens oder unserer Gesellschaft oder über die Zukunft der gesamten Menschheit. Wenn es um die persönliche Zukunft geht, verbringen die meisten Menschen ihre ersten vier Jahrzehnte damit, gesellschaftliche Erwartungen und vorgegebene Lebensskripte zu erfüllen. „Doch das Leben endet an diesem Punkt ja nicht“, betonte Florence Gaub. Vielmehr stelle sich die Erkenntnis ein, dass man nun jene Zukunft abgeschlossen hat, die die Gesellschaft für einen vorgesehen hat – und dass es von diesem Moment an darum geht, die eigene Zukunft bewusst und selbstbestimmt zu entwerfen. Entscheidend sei dabei nicht nur, was in der Welt passiere, „sondern was in unserem Kopf passiert: Was wir heute und hier über die Zukunft denken, das ist die Zukunft.“

Wie unser Zukunftsbild aussieht, sei stark durch unsere Wahrnehmung und unser Wissen geprägt. Gaub zählte einige zentrale Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre auf: extreme Armut sei deutlich zurückgegangen, die Kindersterblichkeit um rund die Hälfte gesungen und etwa 85 Prozent der Einjährigen weltweit seien mindestens einmal geimpft. Studien zeigten, betonte Gaub, dass Menschen, die solche Entwicklungen kennen, deutlich optimistischer in die Zukunft blicken. „Optimismus ist nicht nur eine Geisteshaltung, es ist auch eine Bildungsfrage“, unterstrich sie. Wer wisse, was die Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten geschafft habe, entwickle mehr Eigenwirksamkeit – also das Gefühl, dass auch zukünftige Herausforderungen gestaltbar sind.
Gleichzeitig machte Gaub auf ein verbreitetes Muster aufmerksam: Viele Menschen seien optimistisch, wenn es um ihr eigenes Leben gehe, und pessimistisch, wenn sie an ihr Land oder an Europa dächten. Dieses Phänomen des lokalen Optimismus und nationalen Pessimismus sage weniger etwas über die tatsächliche Lage aus, sondern mehr über das wahrgenommene Maß an Einfluss. Deshalb riet Gaub dazu, sich bei großen Themen wie Krieg oder Klimawandel nicht in Ohnmachtsgedanken zu verlieren, sondern Probleme zu personalisieren und lokalisieren, also jenen Aspekt zu suchen, der im eigenen Umfeld konkret verändert werden könne. Zukunft müsse wie im Fußball gedacht werden: offensiv und defensiv. Defensiv gehe es darum, zu klären, was wir schützen wollen und wie wir Risiken abfedern; offensiv darum, welche Zukunft wir eigentlich anstreben.
Der Zukunftsprozess müsse vor allem partizipativ gestaltet sein. Es mache etwa wenig Sinn, die Zukunft eines Stadtviertels zu planen, ohne die Bevölkerung miteinzubeziehen. Der oder die Einzelne müsse seine oder ihre Rolle in dieser Zukunft sehen können. „Zukunft ist wie eine Zahnbürste – jede und jeder braucht seine eigene.“ Zukunft sei außerdem nicht nur ein analytisches, sondern vor allem ein emotionales Projekt. „Zukunft ist ein Gefühl“, sagte Florence Gaub. Ob eine Zukunft wünschenswert erscheint, erkenne man daran, dass sie Hoffnung, Neugier und Energie freisetze – im Gegensatz zu Angst und Lähmung. Dass zentrale Themen wie der Klimawandel in Europa fast ausschließlich negativ erzählt würden, als Bedrohung durch Verzicht und Apokalypse, sei ein großes Problem in der Bewältigung. Damit sei kaum jemand zu motivieren, sich für Klimaschutz einzusetzen. Man könne dieselbe Transformation auch anders framen, meinte Gaub, nämlich als Chance auf sauberere Luft, gesündere Städte und besseres Leben im Alter.
Besonders für westliche Gesellschaften sieht Gaub eine philosophische Aufgabe: Nach den Erfolgen des 20. Jahrhunderts – Demokratisierung, wissenschaftlicher Fortschritt, wachsender Wohlstand – sei die große positive Erzählung abhandengekommen. Während etwa Menschen in China oder vielen afrikanischen Ländern überaus optimistisch in die Zukunft blickten, dominiere im Westen die Skepsis. Die Zukünfte, die angeboten werden, seien überwiegend negativ. „Wenn wir zu viel Negativität aufeinanderstapeln, dann passiert nicht Handlung, sondern Lähmung“, warnte die Politikwissenschaftlerin. Es gelte daher, eine nächste gute Zukunft zu entwerfen, die mehr ist als das bloße Festhalten am Status quo.
Podiumsdiskussion: Zukunft zwischen Selbstwirksamkeit, Demokratie und globalen Krisen
Wie reden wir über Zukunft, und vor allem: Wer gestaltet sie? Nach dem Vortrag von Florence Gaub diskutierten auf dem Vigiljoch Brigitte Foppa, Claudia Plaikner, Martin Zagler, Ulrich Ladurner und Moderator Harald Pechlaner gemeinsam mit Florence Gaub über globale Krisen, Demokratie, künstliche Intelligenz und die Rolle der Heimat.
Zukunftsängste, Demokratie und das Ringen um Mehrheiten
Brigitte Foppa ist Fraktionssprecherin der Grünen Fraktion im Südtiroler Landtag. In den 15 Jahren, die sie nun grüne Politik mache, habe sich ihr Blick auf die Zukunft verändert. Eine Zeit lang seien Zukunftsvisionen gefragt gewesen, man habe den gesellschaftlichen Rückenwind in Bezug auf die Zukunftsgestaltung und Verantwortungsübernahme gespürt. Heute erlebe sie vor allem eines: Angst. „Zukunft wird sehr stark mit Ängsten aufgeladen – und auf Basis dieser Ängste wird dann Politik in der Gegenwart gemacht“, stellte sie fest. Für soziale Bewegungen wie die Grünen sei diese Gegenwart sehr schwer zu bewältigen.
Besonders beschäftigt die Landtagsabgeordnete der Zustand der Demokratie. Sie sprach von einer „Reifephase“ demokratischer Systeme, in der ein Grundmechanismus zunehmend problematisch werde: die Beschaffung von Mehrheiten. 50 Prozent plus eine Stimme als politisches Prinzip sei eigentlich sehr rudimentär – und leider auch manipulationsanfällig, etwa durch soziale Medien oder bewusst inszenierte Empörung. Foppa stellte die provokante Frage, ob große gesellschaftliche Reformen in Demokratien überhaupt noch möglich seien. Gleichzeitig warb sie dafür, die Freude an der Demokratie zurückzugewinnen. Das gehe nur mit tatsächlicher Einbeziehung der breiten Bevölkerung.
Florence Gaub unterstrich, dass die meisten Menschen weltweit die Demokratie weiterhin für das beste politische Modell halten, auch wenn sie sich Verbesserungen wünschten. „Es ist eine Ehekrise, aber keine Scheidung“, so ihre Diagnose. Aus ihrer Sicht ist Vertrauen der zentrale Schlüssel – Vertrauen in Institutionen, aber auch in die Mitmenschen.
Kleine und große Zukünfte: Ökonomische Perspektiven und globale Risiken
Martin Zagler, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität des östlichen Piemonts und für Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien, führte die Unterscheidung von kleiner, großer, naher und ferner Zukunft weiter aus. Für unser persönliches Glück sei vor allem die kleine, unmittelbare Zukunft entscheidend – der Job, die eigene Gesundheit, das soziale Umfeld.
Für die große Zukunft zeigte sich Zagler hingegen eher pessimistisch. Er nannte vier Faktoren, die die kommenden Jahrzehnte prägen werden: den Klimawandel mit immer häufigeren Extremereignissen und enormen Kosten, die nicht vollständig versicherbar seien, die künstliche Intelligenz, die insbesondere Einstiegsjobs bedrohe und die Ungleichheit verschärfen könnte, eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, in der man einander keine Fakten mehr glaube, und schließlich das Ende einer regelbasierten globalen Ordnung, sichtbar in Handelskonflikten und neuen Kriegen.
Gleichzeitig erinnerte Zagler an die Bedeutung von Minderheitenrechten als Wesenskern der Demokratie – ein Aspekt, der gerade in Südtirols Geschichte und Gegenwart von besonderer Relevanz ist. Resilienter würden Gesellschaften, so seine Schlussfolgerung, wenn sie aus der Vergangenheit lernen, in Bildung investieren und den gesellschaftlichen Dialog auch mit Menschen gegenteiliger Meinung suchten.
Heimat, Selbstwirksamkeit und Verantwortung
Claudia Plaikner, Obfrau des Heimatpflegeverbands Südtirol, setzte mit ihrem Beitrag eine dezidiert lokale und zivilgesellschaftliche Perspektive. Eigenwirksamkeit, Einfluss und Handlung – drei Begriffe, die bereits Florence Gaub im Vortrag betont hatte – seien auch für die Heimatpflege zentral. „Eigenwirksamkeit kann man nur gewinnen, wenn man weiß, worum es geht“, sagte Plaikner. Wissen schütze vor Manipulation, Chancengleichheit und bilde eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Heimat definierte sie als Zusammenspiel von persönlichen Beziehungen, sozialer Vernetzung und einem konkreten Handlungs- und Verantwortungsraum. „Heimat entsteht dort, wo ich tätig werden kann“, so Plaikner. Verantwortung sei dabei ein Schlüsselbegriff, wenn man über Zukunft spreche. Man müsse als Einzelpersonen aber auch als Gesellschaft wieder Verantwortung für Zukunft übernehmen.
Unternehmer*innentum, Europa und die Suche nach einem Zukunftsbild
Unternehmer Ulrich Ladurner rückte die Rolle der Wirtschaft in den Mittelpunkt. Er versteht sich als jemand, der seit 40 Jahren Zukunft gestaltet, sei es mit dem vigilius mountain resort, das bewusst zeitlos geplant wurde, oder mit Dr. Schär, das weltweit Produkte für Menschen mit besonderen Ernährungsbedürfnissen anbietet. Seine Vision seien Unternehmen, die langfristig orientiert sind und konkrete Probleme lösen.
Mit Sorge blickte Ladurner auf geopolitische Entwicklungen, Handelspolitik und die Schwäche des Westens. Besonders kritisch sieht er eine europäische Identitätslosigkeit und protektionistische Tendenzen in den USA, die aus seiner Sicht Arbeitsplätze zerstören und Wettbewerb verhindern. Europa müsse wieder selbstbewusst werden und eine eigene Richtung vorgeben.
Am Ende stand die Frage nach einem europäischen Zukunftsbild, das über Krisenreaktion hinausgeht. Florence Gaub skizzierte erste Linien: eine Gesellschaft, in der Arbeitszeit neu gedacht, eine Verschiebung der Prioritäten vom Haben zum Sein ernst genommen, die längere Lebenserwartung aktiv und positiv gestaltet und die europäische Integration weiter vorangetrieben wird. Eine solche Zukunft, betonte Gaub, müsse mehr sein als nur besser als heute.
Die Podiumsdiskussion zeigte, wie eng globale und lokale Fragen verknüpft sind. Und sie machte deutlich, dass Zukunft immer dort beginnt, wo Menschen Verantwortung übernehmen – im Parlament, im Unternehmen, im Verein oder im eigenen Dorf.
Ein herzliches Dankeschön an unsere Rednerinnen und Redner, das Organisationsteam sowie die vielen Interessierten, die den Weg auf das Vigiljoch gefunden haben. Ein großer Dank gilt außerdem dem Unternehmen Dr. Schär für die Unterstützung der Veranstaltung und die Übernahme der Kosten für die Keynote.






